| Projektträger: | erasmus e.V. und Glashaus e.V | ||
| Projektleiter: | Uwe Prickler | ||
| Kontakt: | Erweiterte Freizeitangebote für Frauen: Kurzgeschichten: |
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| Dieses Projekt dient der Unterstützung bei der Erweiterung der Freizeitangebote für Frauen. In eben diesem Rahmen wurden auch bis zum 7.9.07 kreative
Schreiberinnen gesucht, die uns ihre selbst erlebte oder fiktive Geschichte
rund um das Medium Computer, in Gedicht oder Kurzgeschichte verfasst,
vorstellen möchten. Die eingesandten Arbeiten lassen 10 Themenaspekte erkennen: Fremdheit der Technik; Selbständigkeit des Computers; der Computer als Öffentlichkeit; die Mutter will das Arbeiten mit dem Computer erlernen; das Kennen lernen mittels des Computers; die Liebesbeziehung mit dem Computer; Ehe, Ehevernachlässigung und Kommunikationsstörung; Frauen und PC direkt und Zukunftsvorstellungen, Vertechnisierung, Sicherheitswahn. Bis Mitte Dezember 2007 wird die Jury ihre Entscheidung über jeweils 10 Einsendungen zur Premierung sowie weitere 10 Einsendungen zur Darbietung im öffentlichen Kreis vorschlagen. Die Premierung
sowie die Darbietung der unterhaltsamsten Stücke werden in der
zweiten Hälfte des Februars 2008 in der Brotfabrik stattfinden.
Update März 2008: Die Gewinnerinnen im Schreibwettbewerb "Frauen und PC" sind: 1. Platz - Julia Reinard: Einer fehlt 2. Platz - Susanne Meyer: Ein wahrer Freund 3. Platz - Susanne Felke: In Sachen Kassandra Wir gratulieren! |
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Und
hier nun alle 10 in die engere Auswahl gekommenen Geschichten. Viel Spaß beim Lesen! |
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| Susanne Bergmann | ||
| Es
ist unser erstes Rendezvous. Zögernd trete ich ihm entgegen. Er sieht
auf den ersten Blick eher unattraktiv aus. Auch sein Duft beeindruckt
mich wenig. Trotzdem bin ich neugierig. |
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| Nicole Winter | Alles wunderbar | |
| Meine
Mundwinkel nähern sich nun schon seit zwei Monaten immer mehr meinen
Ohren, und ich erinnere die Leute sicherlich schon an diese kleinen süßen
Smileys. Egal, Fakt ist, ich bin verliebt, nein, sagen wir verknallt.
Vor ein paar Monaten hätte ich mir das nie träumen lassen, dass
es mich wirklich mal erwischt. Wie oft habe ich vor meinen Freunden gestanden
und behauptet, brauche ich nicht, will ich nicht. So etwas ist doch auch
viel zu zeitintensiv und man muss erst einmal soviel investieren. Natürlich
musste ich so manche Verkuppelungsversuche über mich ergehen lassen,
doch die waren alle so, so unbeschreiblich öde. Auf jeden Fall war
es keiner Wert, alles stehen und liegen zu lassen, um meine gesamte Freizeit
mit ihm zu verbringen. Außerdem ging es mir auch so wunderbar, ich
hatte nicht das Gefühl etwas zu verpassen. Na gut, wenn ich dann
natürlich die aufregenden Geschichten meiner Freunde hörte,
wurde mir schon klar, dass auch ich so etwas erleben will, aber dafür
musste ich ja erst einmal den Richtigen finden! Zum Glück hatte mir mein Papa beim weltberühmten Tochter-Vater-Gespräch gesagt, worauf es ankommt und worauf ich achten sollte; schließlich ist Aussehen nicht alles, nein, es kommt auch auf das Innere an. Aber wie sollte ich erkennen, wie er tickt. Das sieht man doch nicht auf Anhieb? Also hingegen der lieb gemeinten Ratschläge meines Vaters warf ich hier und da mal einen Blick. Es war auch der ein oder andere dabei, welcher mich vom Typ her wirklich ansprach. Aber ich traute mich einfach nicht, mehr zu unternehmen, zu unerfahren fühlte ich mich. Ich beschloss, mich meiner Freundin anzuvertrauen, natürlich meiner besten, da sie schon viel weiter war als ich. Nachdem ich ihr eröffnete, dass auch ich mich endlich diesen wundervollen Dingen des Lebens hingeben möchte, jubelte sie auf und umarmte mich euphorisch. Natürlich fing sie auch gleich mit der Aufklärungsstunde an und ließ wirklich gar keine Details aus. Danach musste ich diese regelrechte Informationsflut erst einmal verarbeiten. Und während ich so darüber nachdachte, überkam mich die Angst! Es wurde von Tag zu Tag schlimmer. Und ich fragte mich ständig, ob ich nicht doch noch ein wenig zu jung dafür war, oder setzte ich mich zu sehr unter Druck? Meine Zweifel verabschiedeten sich, als mir klar wurde, dass meine Beste ihren Ersten schon mit zwölf Jahren hatte. Demnach zählte ich sicherlich schon zu den alten Jungfern. Um dieses nicht noch Wirklichkeit werden zu lassen, musste etwas geschehen. Ein paar Wochen später, so nichts ahnend in der Stadt unterwegs, erspähte ich ihn. Dass er der Richtige war, merkte ich daran, dass mir die Worte fehlten, die Knie weich wurden und ich vor Aufregung anfing zu schwitzen, als hätte ich gerade einen Halbmarathon hingelegt. Nervös überlegte ich, was ich tun sollte und beschloss, mich ihm ganz unauffällig zu nähern, ihn dabei immer im Blick. Jedoch nur so lange, bis ich plötzlich meinen Vater entdeckte, welcher mir auch gleich mit wildem Gefuchtel zu verstehen gab, dass er mich auch wahrgenommen hatte. Meine Fluchtversuche blieben ohne Erfolg, da er regelrecht auf mich zugerannt kam. Da es mir auch nicht gelang, mich in Luft aufzulösen, ergab ich mich meinem Schicksal. Mit großen Augen schaute er mich an und fragte mich doch tatsächlich: „Na meine Kleine, der da drüben gefällt dir, nicht wahr?" Wie jetzt, stand mir das etwa auf die Stirn geschrieben und keiner war so hilfsbereit mich darauf aufmerksam zu machen? Wie peinlich! Mit hochrotem Kopf beantwortete ich seine Frage mit einem wortlosen Nicken. Das war ein Fehler! Sofort nahm er mich an die Hand und schleppte mich zu ihm rüber und stellte ihn mir vor. Oh Gott! Na ja, die Blicke der anderen und deren Getuschel über mich waren mir wenigstens sicher, schließlich steht doch jeder gerne ungewollt im Mittelpunkt. Um die ganze Situation nicht noch schlimmer werden zu lassen, ließ ich mich einfach darauf ein und heute weiß ich, es war gut so. Trotz der Anwesenheit meines Vaters kamen wir uns näher, in unbeobachteten Momenten berührten wir uns, und ich wusste es war der Anfang von mehr. Wenn da nicht mein Papa gewesen wäre, welcher plötzlich ganz schnell los musste mit mir. Mit Herzschmerz verabschiedete ich mich und hoffte auf eine baldige Fortsetzung. Die nächsten Tage verbrachte ich trotzdem alleine, kein Wunder, hatte ich doch in meiner Aufregung völlig vergessen, mir seine Nummer aufzuschreiben! Ja, ihr habt das richtig verstanden. Wer ist denn bitte so dumm? Achtung! Alle Finger möchten bitte in diesem Moment auf mich zeigen, danke. Scheinbar waren meine Gedanken so durcheinander geraten, dass ich nicht mehr klar Denken konnte. Toll, nun stehe ich da wie, ja wie denn nun? Zur Beruhigung kann ich euch verraten, dass wir uns natürlich wieder gesehen haben. Mein Gespür hatte mich nicht getäuscht, und wir trafen uns doch zufällig an derselben Stelle wieder. Ab da an hatte ich nur noch den einen Gedanken, dass ich ihn ganz für mich alleine haben wollte. Ich bettelte bei meinen Eltern darum, dass ich ihn mitbringen darf. Meine Mutter war strickt dagegen, mein Vater war begeistert von der Idee. Ja, im ernst, er fand es super, schließlich sind solche Erfahrungen wichtig für das Leben. Wir gewannen die Familiendiskussion zweistimmig. Nun konnte es also passieren. Am nächsten Tag war es dann auch schon soweit. Dass es nun so schnell gehen würde, hätte ich auch nicht gedacht. Aber gut, mir sollte es recht sein. Meine Eltern waren hin und weg von ihm, selbst meine zuvor skeptische Mutter. Es war ein regelrechter Kampf, ihn dann spät abends mal ganz für mich allein zu haben. Wir hatten eine wundervolle Nacht. Wir schauten DVD und konnten die Finger nicht voneinander lassen. Natürlich sind wir nicht gleich aufs Ganze gegangen, soviel Mut hatte ich dann doch nicht. Mit der Zeit wurde es immer besser. Wir lernten uns kennen, stellten gemeinsame Vorlieben fest, wie Karten spielen, Filme schauen und Musik hören. Zu meinen Freunden hatte er auch schnell einen Draht gefunden. Mit einer Ausdauer beteiligt er sich an unseren wilden Gesprächsabenden über Gott und die Welt. Auch beim Shoppen ist er nicht klein zu kriegen, ganz im Gegenteil, er hilft mir sogar beim Suchen von passenden Klamotten! Er hat auch immer eine Idee für Unternehmungen jeder Art, egal ob Museum, Ausstellungen, Kino, Feste und er kennt selbst die besten Clubs der Stadt. Doch so gut wie wir uns auch verstehen und uns wirklich alles sagen können, so nervt es mich auch manchmal. Sein ständiger Drang nach neuen Erkenntnissen, dieser extreme Wissensdurst und dieses immer auf dem neuesten Stand sein zu müssen. Sage ich doch, man muss investieren und das nicht nur einmal, nein immer wieder. Wenn man das nicht tut, kann er ziemlich zickig werden. Ihr glaubt mir nicht? Oh doch, schon ein paar mal hat er mich beim eigentlich gemeinsamen Filmabend hängen gelassen und das auch noch mittendrin. Ohne Vorankündigung, einfach so und danach noch nicht einmal darüber reden wollen, schlimmer als manche Frau, wirklich. Aber bist jetzt haben wir es immer wieder hinbekommen, und ich bin froh, dass ich ihn habe. Wie gesagt, ich bin verknallt und auf dem besten Wege meinen Laptop zu lieben. |
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| Susanne Meyer | Ein wahrer Freund | |
| Wie
gewöhnlich starte ich meinen Labtop, sobald sich meine Stimmung verfinstert.
Ich habe schon oft gedacht, dass dieser handliche Computer eine wesentliche
Funktion in meinem Dasein erfüllt. Er ist wie eine Verlängerung
meiner selbst, das Blinken des Cursors - mein Herzschlag, das Klicken
der Tastatur - mein Lebensrhythmus, der Bildschirm - mein geistiger Horizont.
Was wäre ich ohne ihn? Wie sonst sollte ich mich in Krisenzeiten
stabilisieren, wenn nicht über meine Finger auf dem Keyboard alle
meine Not in den Rechner fließen könnte? Ich schreibe auf,
was mich bewegt, recherchiere im Internet, was mir Linderung verschaffen
könnte, teile mich in Foren anderen Menschen mit und fühle mich
am Ende verstanden und getröstet. Ist das schon Abhängigkeit? Bin ich ohne meinen Computer nicht mehr lebenstauglich? Egal, keiner will uns trennen! Außer vielleicht meine Therapeutin. Ich vermute fast, sie ist ein wenig eifersüchtig. Meinem Rechner erzähle ich mehr als ihr, bei ihm bin ich aufrichtiger, schonungsloser, weniger gehemmt. Er hat kein Gesicht und das tut gut. Keine Augen, die mich zweifelnd, aufmunternd, mitfühlend, ungeduldig oder zornig anblicken, keine gerunzelte Stirn, keinen kritisch verzogenen Mund. Er ist ein Stoiker, der niemals urteilt und sich bequem zur Seite stellen lässt, wenn ich genug von ihm habe. Das ist eine Beziehung nach meinem Geschmack. Ich packe ihn liebevoll in eine gepolsterte Tasche, wenn ich aus dem Haus gehe und hole ihn hervor, sobald ich Bedarf habe. So auch heute an einem milden Sommerabend vor meinem Lieblingscafe (natürlich mit Funkverbindung zum Internet), während ich einen Wein trinke und mich immer einsamer fühle unter all den Paaren und befreundeten Grüppchen. "Einsam" tippen meine Finger ein, "einsam und allein". Schon habe ich zwanzig Chatpartner an der Hand, die mein Problem verstehen und mich trösten. „Wir sind bei dir", sagen sie und „glaub an dich, du bist es wert". Das tut gut, auch wenn mich keiner von ihnen wirklich kennt. Solche Worte will ich hören, und schon kann ich mich beliebt und angenommen fühlen. So schnell kann keine Therapeutin der Welt mir dieses Gefühl vermitteln. Von wegen Beziehungsschwierigkeiten! Hier zeigt sich doch, wie leicht und unmittelbar ich Kontakte knüpfe. Ich verlasse den Chatroom, wechsle in meine Tagebuchdatei und schreibe die soeben gewonnene Erkenntnis nieder. Dann schließe ich das Programm und bin bereit, nach Hause zu gehen. Nur die Bedienung lässt auf sich warten. Während ich mit gezücktem Geldbeutel ungeduldig mit den Füßen wippe, setzt sich ein Mann in meinem Alter an den Nebentisch. Eher unscheinbar, dunkles kurzes Haar, Jeans und T-Shirt. Ich registriere ihn kaum, bis er mich anspricht und mich bittet, ihm die Speisekarte zu geben. Als ich sie ihm reiche, berühren sich unbeabsichtigt kurz unsere Finger und wir blicken uns für einen Sekundenbruchteil in die Augen. Ich spüre, wie ich erröte und nestle nervös am Reißverschluss meiner Jacke. Als die Bedienung endlich auftaucht und ich bezahlen will, stelle ich fest, dass ich nicht mehr genügend Geld im Portemonnaie habe. Mir fehlen genau 50 Cent. Das Ganze ist mir äußerst peinlich und ich biete an, meinen Computer als Pfand zurückzulassen und schnell zum nächsten Bankautomaten aufzubrechen, als sich plötzlich mein Tischnachbar einschaltet und der Bedienung einen Euro in die Hand drückt. Ich stottere verlegen: „Danke, das wäre aber nicht nötig gewesen", aber er winkt nur freundlich ab. Ich bestehe darauf, ihm das Geld zurückzugeben und ignoriere seine Weigerung. Hastig laufe ich in Richtung Bank, während ich brennend seine Blicke im Rücken zu spüren vermeine. Ich hebe 200 Euro ab und kaufe mir an einem Kiosk ein Päckchen Kaugummi, um Wechselgeld zu bekommen. Zurück am Cafe, sitzt er tatsächlich noch an seinem Platz und schenkt mir ein Lächeln, das zwei schief stehende Schneidezähne enthüllt, als ich den geschuldeten Euro vor ihm auf den Tisch lege. „Jetzt musst du aber noch ein Glas mit mir trinken, auf das ich dich einladen darf", sagt er und deutet auf den freien Stuhl neben sich. Ich setze mich zögernd und es folgen peinliche Minuten des Schweigens, ehe wir eine Bestellung aufgeben können. Ich will hier nicht sitzen, ich will kein belangloses Gespräch mit einem Unbekannten führen, ich will nach Hause und mich ausgiebig meinem verständnisvollen Computer widmen. Ich bin ein Small-Talk-Legastheniker, schüchtern und verkrampft, keine Frau zum schnellen kennen lernen. Er lächelt mich an und fragt mich, was ich in der Tasche hätte, die ich auf meinem Schoß fest umklammere. „Meinen Laptop" antworte ich knapp. Eigentlich müsste ich sagen, meinen Rettungsring, meinen Notfallplan, meine Nabelschnur zum Leben. Aber er nickt wissend und bemerkt: „Ja mit den Dingern ist leichter auszukommen als mit Menschen". Woher weiß er das? Ist der selber ein Computer-Junkie oder hat sich meine Menschenscheu mittlerweile in meine Mimik eingegraben? Sehe ich aus wie ein verschrecktes Tier im Scheinwerferlicht, wenn man mich anspricht? Ich trinke große, hastige Schlucke von meinem Wein und versuche, mich ein wenig zu entspannen. Auch er scheint sich einigermaßen unbehaglich zu fühlen und zündet sich eine Zigarette an der anderen an. Wie komme ich aus diesem Schlamassel nur wieder raus? „So", sage ich, „ich muss jetzt wirklich gehen, habe morgen einen anstrengenden Tag vor mir". Er nickt und fragt, ob ich in Richtung Innenstadt müsse. Wenn ja, wolle er mich noch ein Stück begleiten. Was will der? Selber schüchtern wie ein linkischer Teenager, in der Kommunikation genauso hölzern wie ich, was kann so einer beabsichtigen? Ich gebe mich geschlagen, warte bis er bezahlt hat und laufe dann mit gesenktem Haupt neben ihm her, meine Laptop-Tasche wie einen schützenden Panzer mit den Armen umschlungen. Dann fragt er mich doch tatsächlich nach meiner Email-Adresse. „Susanne.Franzinger@web.de“ murmle ich unverbindlich. Seine konzentrierte Miene verrät, wider all meinen Hoffens, dass er sie sich genau einprägt, ehe er mir ungefragt seine anvertraut: „Martin.Scholz@gmx.de“. An der Ecke Friedrich-Ebert-Straße biege ich links ein und will schon zur Verabschiedung ansetzen, als er sich ganz unvermittelt bei mir einhängt und sagt: „Komm doch noch auf einen Sprung mit zu mir." Mir entfährt jählings ein: „Warum?". Er errötet, blickt auf seine Schuhspitzen und murmelt: „Wäre doch nett". Ich mache einen Schritt rückwärts und pralle fast gegen ein geparktes Auto. „Ich kenne dich nicht, wir haben nichts miteinander zu tun. Warum um alles in der Welt, sollte ich mit dir in deine Wohnung gehen?". „Wir könnten uns ja kennen lernen" nuschelt er, nach wie vor mit gesenktem Kopf. Fast tut er mir leid für seinen ungeschickten Annährungsversuch. Das könnte ich sein, wenn ich ein Mann wäre! Ehe ich wirklich nachdenken kann, entschlüpft mir: „Du kannst ja noch mit auf einen kleinen Sprung zu mir kommen". Sein Gesicht hellt sich augenblicklich auf, und wir gehen gemeinsam in Richtung meiner Wohnung. Was mache ich da eigentlich? Sind wir Frauen nicht tausendfach davor gewarnt worden, fremde Männer mit nach Hause zu nehmen, selbst wenn sie einen mehr als harmlosen Eindruck machen? Ein vages Angstgefühl steigt in meinem Brustraum auf und hält mein Herz mit seinen kalten Fingern umklammert, als ich meine Wohnungstür aufschließe. Nichts passiert, wir sitzen schließlich friedlich nebeneinander auf meinem Sofa und trinken erneut ein Glas Rotwein. Er betrachtet eingehend meine Einrichtung, wobei sein Blick immer wieder an meinem Schreibtisch hängen bleibt, wo ich meinen Laptop aufgestellt habe. Ich könnte schwören, er sehnt sich auch dort hin, wo Kommunikation gesichtslos bleibt und Beziehungen mühelos an- und ausgeschalten werden können. Stattdessen müht er sich, krampfhaft ein Gespräch mit mir in Gang zu bringen, das immer wieder an unser beider Unfähigkeit scheitert, mühelose Konversation zu betreiben. Das ganze erinnert mich an ein Ping-Pong-Spiel, bei dem der Partner den Ball jedes Mal fängt, anstatt ihn zurückzuschlagen. Schließlich versuchen wir es nonverbal. Wir küssen uns derart unvermittelt und ungeschickt, dass unsere Schneidezähne schmerzhaft gegeneinander prallen. Das scheint der endgültige Schlusspfiff für dieses unbeholfene Balzspiel zu sein. Wir stehen beide gleichzeitig auf und brabbeln etwas von „schon spät" und „morgen früh raus". Mit einer hastigen Umarmung ohne erneutem Kussversuch verabschieden wir uns an der Tür. Endlich allein in der Wohnung, beseitige ich sofort alle Spuren seiner Anwesenheit. Ich spüle die Rotweingläser, leere den Aschenbecher, lüfte, rücke die Kissen auf dem Sofa gerade und putze mir die angeschlagenen Zähne. Das Ganze nimmt viel Zeit in Anspruch, so eine Neutralisation will gründlich durchgeführt sein. Nach einer geschlagenen Stunde lasse ich mich endlich mit einem wohligen Seufzer an meinem Schreibtisch nieder und fahre meinen Rechner hoch. „Sie haben Post" informiert mich eine freundlich neutrale Frauenstimme. Ich öffne mein Postfach und die Nachricht eines Martin.Scholz@gmx.de. Es umfängt mich ein warmes Bad aus wohlgesetzten Worten und schmeichelnden Sätzen, in das ich mich widerstandslos gleiten lasse. Das also ist Martin ohne persönliche Präsenz, das ist er ohne den hinderlichen Ballast eines sichtbaren Körpers, einer hörbaren Stimme. Eine ungeahnte Freude steigt in meinem Inneren auf und zerschellt in einem Lächeln auf meinen Lippen, als ich ihm antworte. Seither stehen wir im regelmäßigem Email-Kontakt und chatten nahezu täglich. Nie aber sind wir mehr der törichten Versuchung erlegen, uns von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. |
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| Martina Sens | Input - Output | |
„Nein,
ich habe heute keine Lust ins Kino zu gehen!" sagte er schroff und
drehte sich wieder dem Bildschirm zu. Ihren verbitterten Blick hatte er
gar nicht wahrgenommen, denn schon klebten seine Augen wieder dort, wo
sie auch die Stunden und Tage vor dieser Unterbrechung geklebt hatten.
Warum klappte es nur nicht? Er musste bei dieser immerhin einhundertsiebzigzeiligen Eingabe irgendwo einen Fehler gemacht haben, ein Zeichen übersehen vielleicht. Er kam einfach nicht dahin, wohin er kommen wollte. Sie war in der Zwischenzeit in die Küche gegangen, hatte das Geschirr in den Geschirrspüler geräumt und alles ordentlich verstaut, was noch vom Alltag zeugte. Nun ging sie zum Telefon und rief ihre Freundin an. Gut, dass ich meinen Arbeitsplatz zu Hause habe! dachte er zwischen seinen Programmierungsversuchen. Ich hätte ja sonst nie Feierabend. „Hallo Judith, hättest du nicht Lust, heute mit mir ins Kino zu gehen? ... Ach, du weißt ja, er behauptet, keine Zeit zu haben. Du weißt schon, die Scheiß-Computer. ... Nein, kann er nicht. Er sitzt ja jetzt an dem im Schlafzimmer, also nicht bei mir hier. ... Ach, das wusstest du gar nicht? Doch, außer im Bad und in der Toilette steht jetzt in jedem Zimmer mindestens eines dieser Horror-Geräte. ... Ja, super, da bin ich aber froh. Es wird gut werden, endlich einmal wieder mit jemandem reden zu können. Also, bis gleich." Im Schlafzimmer hörte sie ihn fluchen. Aber sie wusste, es hätte keinen Sinn, ihn beruhigen oder auch nur ansprechen zu wollen. „Das gibt es doch gar nicht. Nun bin ich so weit gekommen. Ich habe mir das alles alleine erlernt und erkämpft, und auch dieses Problem muss doch zu knacken sein. Was fehlt dir denn noch? Was willst du denn noch wissen, damit ich endlich weiterkommen kann? Dieses dämliche Programm!" Er sprang aus seinem Drehstuhl auf, versetzte ihm einen Tritt, dass er gegen das Bett krachte, zog ihn wieder zu sich her und setzte sich wieder vor den Bildschirm. Wie Blitze huschten seine Finger über die Tastatur. Und über die Geräusche, die der Computer von sich gab, kommunizierten die beiden in einer rasanten Geschwindigkeit. „Ja, na endlich!" schrie er förmlich auf, gerade in dem Moment, als sie hereinkam, um sich umzuziehen. „Na, kommst du voran?" fragte sie ihn, und das Brummen, das aus seinem Kehlkopf zu blubbern schien, sollte wohl ein Ja bedeuten. „Ich gehe noch zu Judith." Wieder dieses Brummen aus der Mitte seines Halses. Aber sein Blick wich nicht vom Bildschirm. So, als hätte er Angst, es könne ihm irgendetwas davonlaufen, entwischen. Sie zog sich aus, legte die Kleider ordentlich zusammen auf den Stuhl neben das Bett. Dann holte sie aus dem Schrank die Satinhose und die Bluse aus durchsichtigem Crepe und zog sie an. „Weißt du noch, die Bluse hab ich mir damals im Urlaub in Frankreich gekauft. Ich finde sie immer noch umwerfend. Du nicht auch?" Doch nur der Computer piepste und quietschte, als wolle er sie für ihren lächerlichen Versuch, Aufmerksamkeit zu erregen, auslachen. Sie ging ins Bad und packte noch ihre Zahnbürste in die Handtasche. „Wenn ich hier fertig bin, kannst du dir hundert solcher Blusen kaufen. Diese Firma zahlt nämlich ganz besonders gut für ihr Programm", rief er zur Tür hinaus, als wären ihre Worte erst jetzt bei ihm angekommen. Sie stand schon bei der Haustür. „Mach's gut.", rief sie noch in Richtung Schlafzimmer und fragte sich, wann er das wohl registrieren würde. Und wieder wirbelten seine Finger über die Tastatur. Stunde über Stunde. Er schimpfte und fluchte, um kurz darauf wieder zu jubeln, so, wie er früher gejubelt hatte, wenn seine Lieblingsmannschaft ein Tor schoss. Für ihn war es wie ein Rausch. Es war dieses ewige Spiel zwischen Anspannung und Entspannung ... Plötzlich spürte er, wie sich seine Hand auf der Platte des Computertisches bewegte. Ganz sacht und ohne, dass er es beeinflussen konnte. Ein paar Zentimeter nach oben, dann einen halben Kreis und wieder ein paar Zentimeter nach unten. Er konnte sich nicht erklären, was da geschah. Denn, so sehr er sich auch bemühte, er hatte seine Hand nicht mehr unter Kontrolle. Er beobachtete die Bewegungen seiner Hand, konnte keinen Rhythmus und kein Schema dieser Bewegungen erkennen. Abwechselnd hafteten seine Augen auf dem Bildschirm und auf seiner Hand. Er hätte nicht sagen können, wie lange sich diese Beobachtung hinzog. Dann wurde seine Konzentration abgelenkt. Da war noch etwas Seltsames. In seinem Rücken hatte er ein ganz merkwürdiges Gefühl. Wie ein leichtes Klopfen fühlte es sich an, und es schien sich über seinen gesamten Rücken zu verteilen. Wieder versuchte er einen Rhythmus, ein Schema herauszufinden. Dann war es wieder seine Hand, die sich leicht bewegte, und kaum blieb diese wieder still auf der Fläche liegen, kam dieses leichte Klopfen auf seinem Rücken zurück. Und ihm schien, als wäre diese Erscheinung auf fünf verschiedenen Höhen konzentriert. Dann kreiste wieder seine Hand leicht. Klick |
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| Susanne Felke | In Sachen Kassandra | |
| Dies
niederschreibend, sitze ich mit meinen fast 75 Jahren an meiner alten
und MECHANISCHEN "Olympia/Monica". Daß ich mich heftig
dagegen gewehrt habe, fing schon im Alter von 5 Jahren bei mir damit an,
daß ich den .Schokoladen-Automaten am Bahnhof gar nicht mochte,
der gegen ein paar Münzen Täfelchen von "Tell- Schokolade
" ausspie. Das Gerappel und Geklicker war mir zuwider, auch fürchtete
ich immer, er könnte nur mein Geld schlucken und die Herausgabe von
Süßem verweigern, wie es schon einmal der Tante Aloisia passiert
war... Da lief ich lieber, und in der Schürzentasche klimperten lieblich
die Hellerstücke, zur alten Chitry in ihr dunkles Lädchen, die
mich sogar auch namentlich begrüßte - Na, Susilieb, heute wieder
eine GRÜNE? Die grünen Gummischlangen waren mir die liebsten.
Und sollten mir auch beim raschen Lauf ein Geldstückchen aus der
Schürzentasche rausgekullert sein, die Chitry lachte und gab mir
gar noch drei Himbeerzuckerln obendrein. Der Krieg hat dann den Automaten am Bahnhof fortgenommen, aber leider auch die liebe, alte Chitry. Zuletzt mußte auch ich mit Oma und Mutti fort, und meine Mutti hat nach dem abruptem Heimatverlust sehr nach einem RUNDFUNKEMPFÄNGER gedarbt. NACHRICHTEN waren für sie zum LEBENSMITTEL geworden, für mich mehr die Musik. Die KLASSISCHE, wohlgemerkt. Ein Radio wußte ich problemlos zu handeln, auch wußte ich doch längst, daß in dem braungoldglänzenden Holzkasten, er duftete auch bei Inbetriebnahme so herrlich! - kein Zwergensynphonieorchester saß....II Tja - und mein heranwachsender Sohn baute im Keller sogar einen ROBOTER, auf dessen ELEKTRONISCHES Innenleben ich freilich bewundernd und verständnislos schaute! Von der Elektrizität zur Elektronik - mein Gott, in was für einem Zeitalter lebte ich - und wer hatte da auch FRÜHER SCHON ausgerufen - Oh, Jahrhundert, es ist eine Lust, in Dir zu leben! Mir eben entfallen. Und da man HEUTE von allen Seiten handymäßig angerammelt, getrötet, gequäkt, gepiept und ich weiß nicht, was noch alles wird - wer weiß denn überhaupt noch, wie schwer es zu DDR-Zeiten war, einen TELEFONANSGHLUSS zu bekommen? Denn mit Wählerscheibe und Hörer umzugehen, das traute ich mir doch auch zu. Allerdings wählte ich mir oft die Finger wund und hörte mit Erstaunen, FREMDE in der Leitung sich vergnügt über die letzte Pragfahrt unterhalten. Und ich war schon eine ALTE SUSE, als ich vom KONRAD ZUSE mehr erfuhr. Längst waren wir stolze Besitzer von Telefonen, die ANKLOPFEN und frei von Geisterstimmen geworden - und natürlich auch von TIEVIEH & Co. Aber die Sache wurde mir freilich immer unheimlicher! Mit meiner alten und ebenso widerspenstigen Freundin Maria unterhielt ich mich oft und gern über diese moderne COMPJUTEREI. Wer ist bloß dieser Timo Beil? Und was hat man unter einem Ei-Pott zu verstehen. Junge gelenkige Leute sieht man auf Postern Freudensprünge mit solchen Geräten vollführen, dennoch lehnen wir es ab, uns solch einen Eiertopf zu kaufen. Ich habe nun auch schon zwei Enkel im WEIBBAREN Alter und wäre ganz froh, in den Urgroßmutterstand erhoben zu werden. Sie tun sich aber schwer damit, ein MANNBAR (das Adjektiv gibt’s!) Weibchen aufzutun, ich sehe sie leider meistens, wie gebannt vor dem Ding, das als Glotze begann - nun Monitor, wie auch PEECEE genannt, sitzen, mit der Maus rumrutschen und WIE GEBANNT auf diese - mir FERNEN - Welten starrend. Wie hab ich dann so sehr das Gefühl DRAUSSEN zu sein, während sie DRIN sind? Da ich einmal Latein in der Schule hatte, weiß ich - sie bewegen sich nun in den KÜNSTLICHEN Welten. Lieber Tim, wenn ich dich also nun so CHATTEND erlebe (plaudernd, schwatzend - verrät mein Wörterbuch von 1917), fällt mir doch wieder das kleine Symphonieorchester ein, das im Radio in meiner Kinderzeit so herrlich spielte. Lieber Tim - du wirst mir doch hoffentlich nicht GÄNZLICH in diese virtuellen Welten entschwinden? Ich Alte käme nämlich schlecht mit deinem SECOND LIFE zurecht... |
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| Lieselore Warmeling | Es ist nie zu spät... | |
| Zu
stetem Lernen bleibt auch das Alter jung - Aischylos |
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"Nietzsche????"
trompetete die fischäugige Bibliothekarin hinter dem Ausleihschalter
und sah mich an, als hätte ich sie aufgefordert, mir die Relativitätstheorie
zu erklären.
Ruck, die Köpfe der Lesenden in der großen Halle fuhren hoch und ich kam mir vor wie eine Minderjährige bei dem Versuch, das Kamasutra auszuleihen. "JAAA," sagte ich dann ebenso laut, "das ist der mit der Peitsche." Unterdrücktes Kichern ringsum. "Natürlich weiß ich, wer Nietzsche ist," sagte der Fisch indigniert, und die vielen Zischlaute in "Nietzsche" trieben ihr kleine Feuchtigkeitsbläschen auf die Oberlippe, "aber man wird doch mal fragen dürfen." Na klar, ich wusste ja, bei Erma Bombeck, Simmel und Konsalik hätte sie sich die Frage mit Sicherheit verkniffen, aber Nietzsche und ich, das schien irgendwie ihr Weltbild durcheinander zu bringen. Meines auch, aber das durfte ich ihr natürlich nicht sagen. Warum sollte ich zu erkennen geben, dass ich in dem Teil der Stadtbibliothek, in dem die Dichter und Denker deutscher Zunge in meterlangen Regalen vor sich hin dösten, noch nie gewesen war? Ich bewegte mich durch unbekanntes Gelände wie ein Späher, jederzeit gewärtig , auf den Feind zu stoßen. Erst als mir auffiel, dass ich auf Zehenspitzen durch die Gänge huschte, wurde mir die Situationskomik voll bewusst, und ich setzte meine Fersen energisch klappernd auf den blankgewienerten alten Holzfußboden. Lieber Himmel, war das nicht auch alles bloß Gedrucktes? Es würde sich schon herausstellen, ob ich zu blöd war, hehre Gedankengänge zu erfassen, oder ob bei Schopenhauers und Platons auch nur mit Wasser gekocht wurde. Einmal mehr verfluchte ich aber meine komödiantische Ader, denn ohne die wäre ich jetzt nicht hier und versuchte in eine Rolle zu schlüpfen, die mir vielleicht drei Nummern zu groß war. Was hatte ich denn schon zu verlieren? Na ja, Einiges ... unter anderem den Ruf, eine unterhaltsame alte Schachtel zu sein, schlagfertig und nie verlegen darum, ihre Erfahrungen in einen Gesprächskreis zu katapultieren, der aus den unterschiedlichsten Menschen bestand. Mit anderen Worten, jenseits der Sechzig war mein ohnehin nicht unterentwickelter Wagemut regelrecht explodiert. Ich hatte mich zu neuen Ufern aufgemacht und das Internet heimgesucht; und damit begann ein Abenteuer, das mich pausenlos in Atem hielt. Am Anfang war es ein gegenseitiges Abtasten. Die Technik und ich miteinander konfrontiert, würde das gut gehen? Dieses Ding, das da seit Neuestem auf meinem Schreibtisch stand und Überlegenheit aus allen Metallteilen zu schwitzen schien, kam mir derart respekteinflössend vor, dass ich jeden Morgen bildlich die Hacken zusammenschlug, ehe ich den Einschaltknopf betätigte. Aber da war ja Abeichen. Immer bereit, herbeizueilen, wenn ich mal wieder einen Crash gefahren hatte. All das, was dieser junge Mann über die neue Kommunikationstechnik wusste, würde ausreichen, mich zum absoluten Profi umzufunktionieren ... dachte ich. Dachte ich aber nicht lange, denn es war schnell klar, dass es mir völlig schnuppe war, auf welche Weise ich in die Lage versetzt würde, mit Hinz, Kunz und deren Anverwandten in verbal-virtuelle Scharmützel einzusteigen. Hauptsache, es funktionierte. - Und genau das tat es. Ich vergesse nie den ersten Kontakt im Netz, da landete ich rein zufällig mitten im Chat des Frauenforums bei AOL und versuchte, nach drei mitgelesenen Sätzen, auch ein klitzekleines Gedankenblitzchen anzubringen. Schien keinen zu kratzen, ich wurde überlesen, übersehen, ich schien nicht existent. WAS??? Doch nicht mit mir! Das war ich ja nun überhaupt nicht gewohnt! Ich begann mit meinen verbalen Hufen zu scharren und wagte den zweiten Vorstoß. HURRA, es antwortete mir jemand aus dem Kreis der User. Danach ein zweiter, und ehe ich mich versah, befand ich mich mitten in einem blitzgewitterartigen Sprücheklopfer-Marathon der albernsten Sorte. Schlagfertigkeit und Wortwitz waren hier die geforderten Kriterien, und das konnten die haben, pardautz! Aber das blieb nicht lange mein Tummelplatz, ich wollte mehr Intensität. Die
Neugier auf die Denkweise anderer Leute, und dazu noch solcher, die ich
nicht in den eigenen vier Wänden bewirten musste, war unerschöpflich.
Und was sich da alles bewegte, unglaublich. |
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| Inez Schweichler | "Und, bist du es?" | |
| Felix
griff den Zettel. Da stand tatsachlich sein Name. Nicht so groß
wie er erwartet hatte, aber immerhin lesbar. Es hatte ihn an diesem Abend
sehr viel Überwindung gekostet überhaupt eines der Madchen anzusprechen.
Doch selbst diejenigen, die so aussahen als könnten sie nicht nein
sagen, hatten es getan. Dann war da ein Tippen an seiner Schulter gewesen.
Wenigsten eine, die mit ihm tanzen wollte. Auch jetzt noch versuchte er
sich an ihr Gesicht zu erinnern, doch es wollte ihm einfach nicht gelingen.
Vielleicht war sie hübsch gewesen, vielleicht auch eher nicht. Auf
jeden Fall blieb ihr fetter Knutscher bis jetzt auf seiner Wange haften.
Auch ihr Geschrei machte sich wieder in seinem Ohr breit. Sie hatte seinen
absoluten Lieblingssong noch viel lauter mitgesungen als er selbst. Fast
zu schade, um nicht zu sagen ein verschwendetes Wochenende, wenn er bedachte,
dass jetzt schon wieder alles vorbei war. l Noch einmal strengte er sich
an mit dem Nachdenken, doch die Erinnerungslücke schloss nicht. Nur
ihr Lächeln wirkte noch ein klein wenig nach. Dann starrte Felix
wieder runter aufs Papier und die Geräusche der Nacht verstummten
mit ihrer Stimme. Da war etwas, das ihn störte und vielleicht lag
es am Text selbst, den er nun mit seinen Augen scannte. Nettes, ausdauerndes
Gespräch, traumhafte Umgebung. Soweit alles o.k., doch dann war da
dieser Satz, der eine Satz, der all die Gedanken in seinem Kopf verpuffen
ließ. Zu melden unter www.amanda-sucht-dich@gmx.de . Phantomliebe
also. Felix wandte den Blick ab und zerdrückte den Zettel in seinen
Händen. Das Knautschgeräusch kam ihm vor wie ein kleiner Betrug.
Doch seine Finger drückten weiter, schoben das Papier rein in die
Jeans, bis das Blatt im letzten Zipfel der Hosentasche angelangt war.
Die Worte, die jetzt aus seinem Mund drangen, taten fast weh in seinem
Magen. „Ich glaube nicht, dass ich sie kenne." "Wirklich nicht? " Felix sah Frederiks Kaugummiblase vor sich, dick und aufgebläht. Dann wandte er den Blick von ihr ab und richtete ihn nach innen, dachte an einige Internetbekanntschaften aus seinem bisherigen Leben. Da war Rebecca, die alle Freundschaften über Mail abhandelte. Da war Ina, die inzwischen sogar ein eigenes Weblog besaß. Und jetzt war da dieses Mädchen, das Zettel in der ganzen Stadt nach ihm aushing. Er fragte sich wie viele Stunden am Tag sie brauchte, wie viel Zeit verging, bis sie endlich von einer weiteren Suchaktion nach Hause kam. Wie oft die Woche hockte sie wohl zu Hause vor ihrem PC um zu checken, ob sie vielleicht dieses Mal eine Mail erreicht hatte? Er stellte sich ihre Augen vor, wie sie sich verdunkelten, nach einem Tag ohne Erfolg in der Stadt und einer leeren Mailbox am Abend. Erst die zerplatzende Kaugummiblase seines Freundes brachte ihn wieder in die Realität zurück. Der etwas ausdruckslose Knall erinnerte ihn an eine Frage, die er sich selbst schon öfters gestellt hatte, aber erst jetzt wagte an Frederik weiterzugeben. "Du Frederik, weißt du eigentlich wie viele Menschen einem Internet-Phantom hinterjagen?" Doch Frederik reagierte nicht. Anscheinend war er viel zu sehr damit beschäftigt, den Geschmack seines Kaugummis auszulutschen, als über das zeitschluckende Monstrum Internet zu diskutieren. Felix Ruhe allerdings war gestohlen. Er dachte an das Madchen vor ihrem PC. Ob sie auch heute wieder auf eine Nachricht wartete? Ob sie traurig war, wenn im Cafe wieder der falsche Felix vor ihr saß? Es war doch ein Trugschluss zu denken, dass es im Leben nur den einen Kerl gab. Immer zu Hause zu hocken, wahrend draußen das Leben tobte, auf einen Felix zu warten, der vielleicht nie auftauchen würde, während ein zweiter in der Strand bar nebenan schon die Cocktails bereit hielt, war's das wert? Nicht, dass es in dieser Stadt einen Mangel an Männern gab, die Felix hießen. Doch war es auch nur einer dieser Typen wert auf ihn zu warten? Dieser Felix hier zum Beispiel befand sich gerade auf dem Weg zum Wasser, entnahm seiner Hosentasche einen kleinen Zettel und faltete ein Boot daraus. Dann holte er seinen Kumpel Frederik. Er sollte dabei zusehen, wie es durch den Strom schnellte, bis es kenterte und von den Wellen in die Tiefe gezogen wurde. Die Wasseroberflache bildete einen Sog, und schwupp, war es verschwunden. Schade eigentlich. Zu gerne hatte er gesehen wie der Zettel weiter über den Fluss getrieben wäre, bis irgendein Strandgänger seine Hand nach dem Boot ausgestreckt und es mit zu sich nach Hause genommen hatte. Er hatte die Nachricht gelesen, sich vielleicht gefreut. Es hatte ein Felix, vielleicht aber auch ein Frederik sein können. So aber würde das Boot nie an einer anderen Strandseite ankommen. Die kleine Internet-Fee würde sich weiterhin gedulden müssen, wieder endlose Stunden vor ihrem PC verbringen, bis ihr endlich jemand eine Mail schrieb, der vielleicht nicht Felix hieß, ihr zumindest aber gefallen würde. "Du Felix, sag mal, bist du dir auch wirklich sicher, dass du nie eine Amanda kennen gelernt hast?" "Sicher kann man sich da nie sein", antwortete Felix, "Aber um den Zettel aus dem Wasser rauszufischen, wird es jetzt wohl langst zu spät sein", dabei sah er hinein ins dunkle Wasser, das jeden Beweis der Zettelexistenz bereits geschluckt hatte. Dann langte Felix wieder in seine Hosentasche und drückte den kleinen, zurückgebliebenen Schnipsel, der Amandas Mail-Adresse preis gab. Sein Kumpel musste nicht alles wissen, besonders nicht, wenn es sich um eine riskante Mailaktion zur Befreiung einer Phantomliebe handelte. |
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| Julia Reinard | Einer fehlt | |
| Ahh!
Es ist fort! Mein ist fort! Gerade jetzt! Dabei brauche ich doch mein
. Ich muss aufgrund eines Jobangebots zurückschreiben. Außerdem
kommt E ald, mein Freund, zurück. Beides muss ich per Mail regeln,
ich brauche mein . Na gut, einiges kann ich ersetzen. Benutze ich eben
,erneut' oder ,ich frage mich, ob' statt einer klaren Formulierung, kausale
Begründungen kann ich mit ,aufgrund', ,da' oder ,darum' umschreiben...
0h je, das ist jetzt schon anstrengend!
Ich musste meinen Kaffee ja auch neben dem Laptop platzieren, schräg abstellen, umfallen lassen. Natürlich keinen puren Kaffee, sondern meinen Pralinenkaffee, mit Unmengen an Milch und ebensoviel Zucker. Plötzlich starrte ich nur noch auf den dunklen, erloschenen Bildschirm. Einen Tag lang habe ich ihn trocknen lassen. Und - toi, toi, toi - danach ließ er sich erneut einschalten und funktionierte sogar. Gott sei dank! Ich fühlte mich unglaublich erleichtert. Denn das hieß: alle Dateien gerettet. Ich probierte die Tasten Reihe für Reihe durch. °1234567890ß', A !"§$%&/ ()=?~, 23{[]}\. Aber in der Reihe q ertzuiopü fehlte ein Buchstabe, der sich einfach nicht schreiben ließ, bis heute nicht schreiben lässt, der fort ist. Den ich mit Pralinenkaffee ertränkt habe. Nun habe ich Probleme mit einigen örtern, ab jetzt sinnvolle Aneinanderreihungen von Buchstaben genannt. Gut, damit muss ich erst einmal leben und jene eins und eins Emails schreiben. - Schreiben Sie mal ein einziges der fünf Notrufs ohne ein ! - Das geht doch gar nicht! - Geht ja doch! - Die Email an Frau Schulze: Betreff: Be erbungsgespräch Sehr geehrte Frau Schulze, ich habe mich sehr gefreut von Ihrer Firma „Groß erben" eingeladen zu erden. Am Mitt och, den 18. März, erde ich, ie von Ihnen vorgeschlagen, kommen. Ich danke Ihnen herzlich für das mir entgegengebrachte Vertrauen und ürde mich freuen, in Zukunft bei Ihnen arbeiten zu können. Mit freundlichen Grüßen Julia Reinard. Das muss auch anders gehen, schließlich sollte ich den offensichtlich guten ersten Eindruck nicht sofort zerstören: Betreff: Vorstellungsgespräch Sehr geehrte Frau Schulze, ich habe mich sehr gefreut von Ihnen eine Einladung zu erhalten. Sie haben den 18. März vorgeschlagen und ich komme gern zu diesem Termin, um mich bei Ihnen vorzustellen. Ich danke Ihnen herzlich für das mir entgegengebrachte Vertrauen und hoffe, durch das bevorstehende Gespräch einer Zusammenarbeit näher zu kommen. Mit freundlichen Grüßen Julia Reinard. Geht
doch. Das trifft es genauso gut, das ist sogar fast besser als die erste
Version. -
Merksatz für immer und immer: Viele Kosenamen erfinden, um im Fall
der Fälle eine Notlösung zu haben! - |
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| Monika
di Bernardo |
Die
Tabellenfrau |
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Sie
liebte Tabellen. An ihrer neuen Arbeitsstelle war bald aufgefallen, dass
sie auch komplizierte Zusammenhänge übersichtlich in Tabellen
darstellen konnte. Sie tat das nicht, um sich hervorzutun, sie tat es
für sich selbst. Wenn sie Informationen zu einem Thema gesammelt
und diese ordentlich in Spalten aufgegliedert hatte, fühlte sie sich
wohl. Sie hatte das befriedigende Gefühl, etwas erledigt zu haben.
Sie hatte sich Übersicht verschafft, konnte jederzeit darauf zurückgreifen
oder neue Datenblätter daraus erarbeiten. Das gab ihr Sicherheit. Schon das Erstellen von Formblättern, Tabellen ohne Inhalt, verschaffte ihr tiefe Befriedigung. Diese Vorlagen hatte sie immer vor ihrem inneren Auge. Auf diese Weise konnte sie schon im Kopf alle Daten zuordnen und sorgfältig strukturieren. Die Kolleginnen fanden ihre Tabellen häufig, wenn sie nicht schnell genug am gemeinsamen Drucker war. Den freundlichen Spott, der sich bald anschloss, nahm sie gleichmütig hin. Zum Glück kannten die Kolleginnen ihre Wohnung nicht. Dort war es nicht ungewöhnlich sauber oder aufgeräumt, aber die Schränke waren entlarvend. Alles hatte seinen Platz. Egal, was aufbewahrt wurde, es bestand eine innere Ordnung. Diese war nicht gleich für jeden ersichtlich, nur im Kleiderschrank konnte auch ein fremdes Auge erkennen, dass hier alles militärisch ausgerichtet war. Die Hosen hingen, mit einheitlichem Bügel, in der linken Ecke. Darauf folgten die kurzen Röcke, dann die langen. Ganz rechts hingen die Kleider und einige besonders schöne Blusen. Die restlichen Blusen lagen akkurat gefaltet in einem Fach. Die Stapel waren farblich abgestimmt. Alle blauen Blusen lagen aufeinander - sie liebte blaue Blusen -, die restlichen lagen in harmonischer Farbfolge im anderen Stapel. Ähnlich war es mit der Wäsche, den Strümpfen, den Pullovern. Obwohl sie bügeln hasste, bügelte sie sogar ihre Unterhemden. Sie ließen sich sonst nicht gut falten, boten keinen schönen Anblick. Geschirr und Gläser waren nach Größe und Häufigkeit des Gebrauchs geordnet. Bei den Alkoholika allerdings waren die Flaschen nicht nach Größe, sondern wie in einer Bar, nach der Art des Getränkes zusammengestellt: Aperitifs, Liköre für Longdrinks, Schnäpse, edler Whisky. Ihre größte Sorgfalt galt den Büchern. Leider waren alle Regale so voll, dass sie die Fächer zweireihig nutzen musste, um die themenweise Belegung einigermaßen einzuhalten. Dadurch war es weniger übersichtlich. Das verschaffte ihr Unbehagen, sie konnte es beinahe körperlich fühlen. Die Struktur ging verloren. Es war wie in Computertabellen, in denen einzelne Spalten zu klein für den Text waren. Dort musste man die Zellengröße anpassen, dadurch verschob sich alles, und die Überschriften passten nicht mehr richtig. Die Zuordnung fiel schwer. Das machte sie nervös und unsicher. Genauso wie bei ihren Tabellen, hatte sie auch beim Räumen in ihren Schränken das Gefühl nicht nur eine äußere, sondern auch eine innere Ordnung zu schaffen. Sie ordnete ihr Leben. Im Laufe der Zeit ging sie dazu über, dieses Wohlgefühl auch auf andere Bereiche zu übertragen. Sie besuchte ein Zeitmanagementseminar. Dort wurde ein System angeboten, mit dessen Hilfe man seine Zeit in Formblätter eintragen und planen konnte. Das erwies sich für die Arbeit als ausgesprochen hilfreich. Diese Möglichkeiten gefielen ihr so gut, dass sie begann auch private Verabredungen in Vordrucke einzutragen, dafür nutzte sie die Tages- und Wochenpläne ihres Zeitplaners. Dann entdeckte sie Formblätter für die private Budgetplanung. Sie trug ihr Gehalt und die Ausgaben in die verschiedenen Übersichten ein. Es gab ein Blatt für feste Posten wie Miete, Versicherungen und so weiter. Die täglichen Einkäufe wurden auf Wochenblättern festgehalten. Für das ganze Jahr gab es schließlich einen Vordruck, in dem sie Einnahmen und Ausgaben am Ende auf einen Blick erkennen konnte. Auch die Urlaubsplanung für dieses und nächstes Jahr, einschließlich der Finanzplanung, paßte in eine Tabelle, immer mit Querverweisen zu den anderen Listen, in denen die allgemeinen Finanzen eingetragen waren. Inzwischen hatte sie auch zu Hause einen Computer, der ihr die Arbeit sehr erleichterte. Sie schrieb immer neue Tabellen und erstellte schließlich eigene Formblätter. Sie schuf ihr privates Kochbuch, erstellte Übersichten über ihre Videos, ihre CDs und ihre Bücher. Die Pläne reichten immer weiter. Sowohl berufliche wie private Ideen und Ziele hatten ihr festes Kästchen in einer der vielen Tabellen. Mit einem neuen Programm ließ sie bald den Computer nach jeder eingetragenen Ausgabe im Haushaltsbuch errechnen, wie viel Geld ihr noch zur Verfügung stand. Immer kompliziertere Zusammenhänge konnte sie errechnen lassen und in ihre Tabellen eintragen. So erstellte ihr PC auf Anfrage eine Übersicht, welchen ihrer Freunde sie zuletzt, wie lange gesehen hatte und wen sie als nächstes anrufen sollte, um ein Treffen zu vereinbaren. Freundschaften musste man pflegen. Schließlich wurden die Tage vom Computer in allen Einzelheiten durchgeplant, vom Aufstehen über die Zeit die sie im Bad verbringen durfte, bis hin zu Vorgaben, welches Buch sie in welcher Zeit zu lesen hatte. Eines abends, als sie und ihr Helfer wieder mit Planungen beschäftigt waren, warf der Drucker eine Tabelle aus, in der die Aktionen für die nächste Zeit dargestellt waren. Sie würde sehr beschäftigt sein. Doch plötzlich stutzte sie. Was hatte er da errechnet? Das konnte doch nicht sein! Sie gab ihre Daten erneut ein und ließ den Computer arbeiten. Was war das? Das gleiche Ergebnis! Am Ende der Tabelle war ihr Tod angezeigt! Alle Aktivitäten mündeten in diesem einen Feld. Es gab keinen Zweifel: am Ende der nächsten Planungseinheit stand ihr Tod! In der nächsten Woche lebte sie genau nach Plan. Alle Vorgaben wurden gewissenhaft erfüllt. Sie kaufte Lebensmittel in geeigneter Menge, so dass sie genau bis zum Wochenende ausreichten, sie ging zum monatlichen Treffen ihres Frauenstammtisches und ins Kino. Sie brachte ihr Auto zur Inspektion. Als alles erledigt war und sie im letzten Feld angelangt war, holte sie ihre Tabelle auf der die verschiedenen Möglichkeiten zur Selbsttötung aufgelistet waren. Zum Glück hatte sie schon vor langer Zeit die beste Methode ausgearbeitet. So hatte sie alle nötigen Hilfsmittel zur Hand. Noch einmal gab sie dem Computer die aktuellen Daten ein. Die Tabelle, die er daraufhin errechnete, zeigte wieder ihren Tod und danach nur leere Felder. Es gab also wirklich nichts mehr zu tun. Sie zweifelte keine Sekunde an der Korrektheit des Ergebnisses. Sie speicherte die Datei ein letztes Mal, schloss sie aber nicht. Daraufhin arrangierte sie die Blumen, die sie ohne Anweisung besorgt hatte, neben ihrem treuen, elektronischen Freund. Das erste und letzte Mal hielt sie sich nicht bis ins Detail an die Vorgaben. Statt des empfohlenen Wassers, schenkte sie sich Champagner ein, legte ihre Lieblings-CD auf und zündete einige Kerzen an. Dann nahm sie die Tabletten. |
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| Anna
Banfhile |
Ich
komme gleich |
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| „Jaaaa,
ich komme gleich", mühelos durchdrang Brittas volltönende
Stimme Wände und Türen. Henrik griff sich an den Kopf. Musste
sie immer so schreien? Konnte sie nicht etwas leiser sein? Gab es irgendetwas,
was diese Frau von ihrem Computer trennen konnte? Er setzte sich, um noch
einmal über seine Entscheidung nachzudenken. Wollte er diese
Frau wirklich heiraten? Nach zwanzig Minuten Warten auf Britta stand Hendrik auf. Innerlich kochend stieg er die Treppe in den ersten Stock. „Jaaaa, ich komme gleich", stoppte seine Hand kurz vor dem Anklopfen. Unschlüssig verharrte er. Endlich klopfte er zaghaft und öffnete schnell die Tür. Leise gepresst murmelte er: „Willst du nicht deinen Computer ausschalten und zu mir ins Wohnzimmer kommen?" Britta drehte den Kopf, ohne die Hand von der Maus zu nehmen oder den Bildschirm aus dem Blick zu verlieren. „Ich sag' doch, dass ich gleich komme. Ich will nur noch die paar Files hoch laden, dann ist die Seite fertig. Sei doch nicht so ungeduldig. Ich habe dem Kunden versprochen, dass ich das heute noch ins Netz stelle." Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ganz Bildschirm, Tastatur und Maus zu. Die Außenwelt erreichte sie nicht mehr. Sie bemerkte weder die strahlende Junisonne, die neben dem Computer bizarre Lichtspiele zeichnete, noch Henrik, der zehn Minuten reglos hinter ihr verharrte, dann verspannt und ruhelos auf und ab tigerte. Sein Hüsteln und Räuspern auf der Bahn vor ihrem Zimmer, drang nicht zu ihr. Seine Wut steigerte sich unbemerkt. Britta hackte hektisch, um mit ihrer Website fertig zu werden. Natürlich klappte nichts so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Immer wieder probierte sie etwas Neues aus, das musste doch zu schaffen sein. Henrik stand kurz vor einer Explosion. Unbeachtet trat er hinter Britta, fischte vorsichtig ein Kabel aus dem Gewirr zwischen ihren Computern, schlang es schnell um ihren Hals und zog zu. Als Britta merkte was geschah, bekam sie schon fast keine Luft mehr. Ihre Hände tasteten in Panik umher. Ihr Brieföffner, ein scharfer asiatischer Dolch, kam zwischen ihre Finger. Blind und beinahe ohne Luft stach sie hinter sich. Der Druck um den Hals nahm endlich ab. Britta drehte sich um. Da lag Henrik in einer Blutlache zu ihren Füßen. Noch ganz heiser rief sie Polizei und Krankenwagen. Während sie wartete, drehte sie sich wieder dem Bildschirm zu. „Jaaaa, ich komme gleich", hörte der Sanitäter, als er klingelte. |
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